| Zum
25-jährigen Jubiläum der Fachhochschule Bielefeld
im Jahre 1996 erschienen Porträts ehemaliger Studenten,
die in verschiedenen Bereichen „ihren Weg“
gemacht hatten. Über Heiner Bartling war dort zu
lesen:
„Sie wirken im Verborgenen, im Maschinenraum
der parlamentarischen Demokratie, sie halten die Motoren
in Gang, ölen das Getriebe. Wer sich in dieser
Position bewährt, hat hervorragende Aussichten
vom Kapitän an Deck gerufen, zum Offizier befördert
und sodann auch den Passagieren vorgestellt zu werden,
so stand es einmal in der Frankfurter Zeitung (FAZ)
recht anschaulich beschrieben. Die Rede war vom parlamentarischen
Geschäftsführer. Macht er seinen Job gut,
empfiehlt er sich gar für Ministerwürden.
Diese „Prophezeiung“ erfüllte sich
für Heiner Bartling im Oktober 1998. Er wurde zum
Niedersächsischen Innenminister ernannt und führte
dieses Amt bis zum März 2003. Nach einer schmerzlichen
Wahlniederlage kehrte er zurück auf die Bänke
der Opposition und ist als stv. Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion
auch innen- und sportpolitischer Sprecher. Er füllt
diese Aufgabe mit der Zielrichtung aus, wie er es selbst
formuliert: „Ich will der Nachfolger meines Nachfolgers
werden!“
Sein politischer Aufstieg beginnt mit der für
die SPD Niedersachsen katastrophalen Landtagswahl 1982,
als die Sozialdemokraten viele Wahlkreise verlieren.
Im Schaumburger Land sind daraufhin zwei Wahlkreise
vakant. Heiner Bartling wird aus der Partei auf eine
mögliche Kandidatur angesprochen. „Wie die
Handelsreisenden sind wird durch die Ortsvereine gezogen
und haben für uns geworben, meine beiden Mitbewerber
und ich“, weiß er noch, als wär’s
gestern gewesen. Ende 1984 ziehen die beiden anderen
ihre Kandidatur zurück, Bartling wird als SPD-Kandidat
aufgestellt. Dann folgt die Arbeit im Wahlkreis: „In
jedem Ort sind wir von Haus zu Haus gegangen, der Bekanntschaftsgrad
stieg enorm“. Einmal, so erinnert er sich, wurde
ich von einem Hund gebissen, „aber der war nicht
politisch motiviert“. Für Heiner Bartling
ist die harte Tour von Erfolg gekrönt: Nach zweimaliger
Besetzung durch die CDU erobert er im Sommer 1986 den
Wahlkreis 47, Schaumburg, zurück. Mit dem Einzug
in den Niedersächsischen Landtag beginnt für
den damals 40-jährigen die Arbeit als hauptberuflicher
Landespolitiker.
Das politische Rüstzeug hat er sich nach und nach
auf seinem Lebensweg erarbeitet. Geboren 1946 im niedersächsischen
Steinbergen im ehemaligen Landkreis Schaumburg-Lippe
– wo er bis heute lebt – besucht Bartling
zunächst die Grundschule und macht dann, nach einem
kurzen Ausflug aufs Gymnasium, 1964 seinen Realschulabschluss.
Während der Schulzeit übt er sich bereits
als Klassensprecher. Es folgt eine solide dreijährige
Industriekaufmannslehre. Danach absolviert der 21- jährige
freiwillig die Bundeswehr. Nach der Offizierausbildung
führt er als Leutnant einen Panzergrenadierzug
mit rund 40 Soldaten. „Als Obermufti habe ich
Sicherheit gewonnen, das hat mir später sehr geholfen“,
sagt Heiner Bartling, „zum Glück wurde das
nur als Spiel und nicht als Ernst betrieben“.
Seine enge Verbindung zur Bundeswehr behält Bartling
dauerhaft bei. Als Reserveoffizier wird er Oberstleutnant
und führt von 1984 – 1994 das Jägerbataillon
17. Seine „Führungstätigkeit“
hilft ihm postwendend weiter. Sie wird als Erfahrung
in der Personalführung und damit als einjährige
Berufspraxis anerkannt – Eingangsvoraussetzung
für die Höhere Wirtschaftsfachschule, die
der Schaumburger von 1970 an besucht. Diese Schule wird
kurz nach Bartlings Studienbeginn zur Fachhochschule
umgewandelt, durch den damaligen Wissenschaftsminister
Johannes Rau, dem Bartling damals auch persönlich
begegnet.
„Es gab viele politische Ereignisse, die uns
während des Studiums fast alle berührten,
zum Beispiel das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt
im Jahre 1972“, erinnert sich der heute 60-jährige,
„das waren wilde Zeiten.“ Der damalige Bundeskanzler
Brandt und seine erfolgreiche Ostpolitik hinterlassen
einen nachhaltigen Eindruck: Der 26-jährige Bartling
wird Mitglied der Sozialdemokraten und engagiert sich
auf örtlicher Parteiebene. Nicht nur da. MSB Spartakus,
der Sozialistische Hochschulbund SHB oder der Ring Christlich-Demokratischer
Studenten (RCDS), die Richtungen am Fachbereich Wirtschaft,
sind dem jungen Bartling „alle zu links oder zu
rechts“. Mit einigen Kommilitonen gründet
er die Sozial-Liberale Initiative (SLI), die prompt
„eine dicke Mehrheit“ erhält.
Gelernt wird auch. Bartling legt sein Hauptaugenmerk
auf den Bereich Personalwesen. Im nachhinein betrachtet
er die im betriebswirtschaftlichen Teil vermittelten
Inhalte als die „wertvollsten und verwertbarsten“.
Nach dem Studienabschluss erfährt der graduierte
Betriebswirt von der Möglichkeit, in den Schuldienst
einzutreten. Anfang bis Mitte der 70er Jahre ist der
Bedarf an Lehrern an kaufmännischen Schulen in
Niedersächsischen Schulen groß. Zunächst
wird er für ein Jahr in einer Berufsschule angestellt.
Nach der „Bewährung“ folgt die Freistellung
fürs Lehramtsstudium an der Universität Braunschweig,
wo er Politikwissenschaften und Wirtschaftspädagogik
studiert. Nach seiner Referendarzeit erhält Bartling
1978 eine Stelle als Studienrat an der „Kreishandelslehranstalt
Rinteln“ – er unterrichtet am Wirtschaftsgymnasium,
in der Handelsschule und der kaufmännischen Berufsschule
die Fächer Betriebs- und Volkswirtschaftslehre,
betriebliches Rechnungswesen und Gemeinschaftskunde.
Hier kann er die an der Fachhochschule gelernten Grundlagen
gut verwenden.
Wechsel vom Lehrer zum
Berufspoltiker
Seit seinem Eintritt 1972 betätigt sich der überzeugte
SPD-Mann nebenbei ehrenamtlich politisch. In seiner
Heimatgemeinde wählt man ihn in den Ortsrat (die
kommunale Vertretung), 1981 schließlich in den
Stadtrat von Rinteln und später in den Schaumburger
Kreistag. „Mit meiner Lehrertätigkeit war
das zunehmend schwer unter einen Hut zu bringen, ohne
eine Seite zu vernachlässigen“, erklärt
er den endgültigen beruflichen Wechsel in die Politik,
den er mit seiner Direktwahl 1986 vollzieht. Seither
ist er als Beamter beurlaubt.
Schon in der ersten Legislaturperiode von 1986 –
1990 wird Bartling Mitglied des wichtigen Innenausschusses
und nach zwei Jahren stellvertretender Innenpolitischer
Sprecher. Er profiliert sich insbesondere bei der Mitarbeit
in zwei Untersuchungsausschüssen. Im 11. PUA, der
die Vorgänge um die Sprengung eines Lochs in die
Celler Gefängnismauer aufklären soll und im
12. PUA, wo es um die Spielbankaffäre in Niedersachsen
geht. Als 1990 die erste Rot-Grüne Koalition in
Niedersachsen entsteht, gehört Bartling nun zu
einer der Regierungsfraktionen und übernimmt dort
die Aufgabe des Innenpolitischen Sprechers. Wichtige
Gesetzesvorhaben, wie die Novellierung aller Sicherheitsgesetze,
fallen in diesen Zeitraum. Als 1994 die SPD die absolute
Mehrheit gewinnt (Einstimmenmehrheit) wird Bartling
die Aufgabe des parlamentarischen Geschäftsführers
übertragen. „Eine Mischung aus Zusammenhalter,
Einpeitscher, Diplomat und psychologischer Betreuer“
nennt Bartling diese Funktion. Nur zweimal in der vierjährigen
Legislaturperiode gelingt es nicht die Einstimmenmehrheit
zu realisieren. Bei allen anderen Entscheidungen hat
der dafür
Verantwortliche die Mehrheit zusammen. Dabei beschränkt
sich seine Aufgabe nicht auf die des „Mehrheitsbeschaffers“.
Es geht auch darum die Fraktion zu managen, als Abläufe
zu organisieren, 25 fest angestellte Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter mit der Arbeit der Abgeordneten zu verknüpfen
und insgesamt die Entscheidungsfindung der Fraktion
so vorzubereiten, dass Fraktion und die von der SPD
gestellte Landesregierung gut zusammen arbeiten. Dazu
gehört auch der Regierung den Rücken freizuhalten,
wozu Heiner Bartling in fünf weiteren parlamentarischen
Untersuchungsausschüssen (als Vorsitzender oder
Obmann) viel Gelegenheit bekommt.
Unabhängig von den bisher dargestellten Aufgabenstellungen
in der Landespolitik bleibt seine enge Bindung an seinen
Heimatlandkreis und seine Tätigkeit als Wahlkreisabgeordneter.
Über 20 Jahre (bis 2007) war Bartling Vorsitzender
der Schaumburger Sozialdemokraten, seit 1986 ist er
Ortsbürgermeister seiner Heimatgemeinde Steinbergen
und seit 1981 Mitglied im Rat der Stadt Rinteln.
„Privates“ möchte Heiner Bartling
auch gern „privat“ halten. Rahmendaten sind:
Er ist weiterhin Junggeselle und ergänzt seine
sportlichen Aktivitäten Laufen und Fahrradfahren
durch den „Konsum“ von klassischer Musik.
Was am Anfang bereits erwähnt, vollzog sich dann
1998, als es zum Regierungswechsel im Bund kam: Mit
der Wahl Gerhard Schröders zum Bundeskanzler, kam
es auch in Hannover zum Stabwechsel: Innenminister Gerhard
Glogowski wurde Ministerpräsident, Heiner Bartling
dessen Nachfolger als Innenminister.
Als er vier Jahre diese Funktion ausübte beschrieb
eine große deutsche Tageszeitung seine Amtsführung:
„Niedersachsens Schily heißt Heiner Bartling“.
Artikel aus der SZ vom 11.07.02
„Niedersachsens Schily heißt Heiner Bartling
Hannovers Innenminister sichert die rechte Flanke von
Ministerpräsident Sigmar Gabriel
Vor nichts weniger als einer „schleichenden Islamisierung“
in Deutschland hat der Mann kürzlich gewarnt. Von
„ethnischen Kolonien“ sprach er und davon,
dass von Zuwanderern mehr Integrationswillen zu erwarten
sei. Markige Sätze. Niedersachsens Innenminister
Heiner Bartling (SPD) ist dafür immer gut. Vor
allem, wenn es um Fragen geht, um deren Beantwortung
sich Sozialdemokraten lange herumdrückten: Muss
die Zuwanderung vielleicht doch begrenzt werden? Muss
mehr für die innere Sicherheit getan werden?
Heiner Bartling hat deshalb auch volles Verständnis
für seinen Kollegen im Bund, wenn er, wie jüngst
in dieser Zeitung, der Assimilierung der Türken
in Deutschland das Wort redet. Davon wolle er nicht
sprechen, sagt Bartling nun, doch Parallelgesellschaften
in Deutschland will auch er nicht akzeptieren. Erst
kürzlich hatte er den Zuzug von Spätaussiedlern
auf ein Minimum reduzieren wollen – eben weil
deren Integration zu wünschen übrig lasse.
Bartling ist für seinen Chef, Niedersachsens Ministerpräsidenten
Sigmar Gabriel, das, was Otto Schily für Gerhard
Schröder darstellt: Der Mann, der die rechte Flanke
absichern soll, der im empfindlichen Bereich der inneren
Sicherheit für Ruhe beim Bürger sorgen soll.
Wie empfindlich die SPD da getroffen werden kann, hat
das Wahldesaster in Hamburg gezeigt. Dort hatten die
Sozialdemokraten über Jahre das Thema vernachlässigt
und so den Aufstieg des Ordnungspolitikers Ronald Schill
zum Sicherheitschef der Hansestadt erst ermöglicht.
Das wäre ein paar Kilometer weiter südlich
nicht möglich. Nicht mit Heiner Bartling. Niedersachsens
Landtag wird am 2. Februar neu gewählt.
Gegenüber der Polizei des Landes findet der Oberstleutnant
der Reserve als Dienstherr offenbar den richtigen Ton.
Nach dem 11. September war Bartlings Rolle nach außen
hin noch einmal deutlich geworden: Er demonstrierte
Ruhe als erste Bürgerpflicht und die Verlässlichkeit
des Staates und seiner Ordnungsorgane. Bartling nennt
sich selbst einen konservativen Sozialdemokraten, was
aber wohl weniger mit dem Amt als mit seiner Herkunft
als Bauernsohn aus dem Schaumburger Land zu tun hat.
Die versteckt der stets bewusst bescheiden auftretende
55-jährige nicht. Er kokettiert aber höchstens
insoweit damit, als er immer wieder betont, dass er
erst auf dem zweiten Bildungsweg Handelslehrer geworden
ist – den Beruf, den er ausübte, ehe er 1986
in den Landtag einzog. Eine gerade unter Sozialdemokraten
ja nicht ungewöhnliche Karriere. 1994 wurde er
parlamentarischer Geschäftsführer, 1998 dann,
als Schröder nach Berlin wechselte, rückte
er ins Innenministerium auf.
Bartling kann, so hört man, mit den meisten seiner
Kollegen in der Innenministerkonferenz. Mit einem aber
versteht er sich immer wieder auffallend gut: Stoibers
Ordnungschef Günter Beckstein.“
Und das ändert sich auch nach dem 04. März
2003 nicht! An diesem Tag schied er aus dem Amt des
Niedersächsischen Innenministers aus. „Ich
gehe stolz erhobenen Hauptes aus diesem Amt“,
betont er selber und blickt schon jetzt mit Genugtuung
auf die 4 Jahre und 4 Monate zurück. Es ist natürlich
verbunden mit Wehmut und Abschied von vertrauten Mitarbeitern,
aber: Wechsel gehört zur Demokratie.
Am 02. Februar 2003 war der Niedersächsische Landtag
neu gewählt worden. Die SPD erzielte in Niedersachsen,
wie auch am gleichen Tag in Hessen, ein desaströses
Ergebnis. Ein landesweiter Verlust von 14,5 %-Punkten
versetzte die SPD auf die Oppositionsbänke. Auch
Heiner Bartling verlor seinen „sicher“ geglaubten
Wahlkreis, hatte dabei noch „Glück im Unglück“
indem er über den Platz 52 auf der Landesliste
erneut in den Landtag einzog.
In der Oppositionsrolle, die er bereits von 1986 –
1990 kennen gelernt hatte, wird Heiner Bartling sein
Fachgebiet Innenpolitik, Verwaltungsreform und Sport
bearbeiten. Dazu wurde er mit der höchsten Stimmenzahl
in den Vorstand der SPD-Landtagsfraktion gewählt.
Politische Entscheidungen auf Bundesebene beeinflussen
auch die Arbeit der SPD- Landtagsfraktion in Hannover
in der Opposition. Nach der Bundestagswahl im Jahre
2005 gehen zwei Mitglieder der ehemals SPD geführten
Landesregierung in den Bundestag und übernehmen
dort neue Aufgaben. Der Wechsel Sigmar Gabriels vom
Vorsitzenden der SPD- Landtagsfraktion in das Amt des
Bundesumweltministers hat in Hannover zur Folge, dass
Wolfgang Jüttner SPD- Fraktionsvorsitzender wird,
die Struktur der Fraktion umbaut und Heiner Bartling
zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden wird. Gemeinsam
mit den anderen Fraktionsvorstandsmitgliedern bereitet
man sich auf die Wahl im Januar 2008 vor. Inzwischen
ist Wolfgang Jüttner zum Spitzenkandidaten gewählt
.Heiner Bartling darf sich über einen relativ sicheren
Listenplatz freuen und steht vor einem herausfordernden
Wahlkampf. Sein Ziel ist sein Motto: „Ich will
der Nachfolger meines Nachfolgers werden“! Das
hat wahrscheinlich auch etwas damit zu tun, dass die
Scharte von 2003 ausgewetzt werden soll, aber aus Bartlings
Sicht insbesondere damit, den „Dilettantenverein,
der zur Zeit regiert“, abzulösen.
Mit diesem Motto hat Heiner Bartling auch all diejenigen
konfrontiert, die ihn nach seinem
Ausscheiden als Innenminister in ehrenamtliche Funktionen
gewählt haben. Viel Spaß macht ihm –
es wird aber auch inzwischen zu einer Herausforderung
– das Amt des Präsidenten des Niedersächsischen
Turner-Bundes auszuüben. Der größte
Sportfachverband in Niedersachsen fordert von seinem
Präsidenten auch Zeit, die er dafür aber gerne
aufwendet. Gleiches (vielleicht nicht ganz so zeitraubend)
gilt für den Vorsitz der Deutsch-Türkischen
Gesellschaft Niedersachsen-Bremen e.V., die Mitgliedschaft
im Vorstand des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge
und die Mitgliedschaft im Konvent Ev. Akademie Loccum.
|