Die niedersächsische Polizei wird zurzeit wieder
einer Organisationsreform unterzogen, nicht die erste,
sicherlich aber auch nicht die letzte: Qualitativ
unterscheidet sich dieses Vorhaben der neuen Landesregierung
im Kontext anderer Veränderungen bei der Polizei
aber doch entscheidend von den bisherigen Reformen:
Vollzogen wird ein radikaler Paradigmenwechsel, aus
der zivil geführten "Bürgerpolizei"
soll ein Werkzeug zur Durchsetzung von "law and
order", einer Sicherheitspolitik von gestern,
gemacht werden.
Die niedersächsische Polizei verfügt künftig
über mehr und umfassendere Befugnisse: Telefonüberwachung
ohne konkreten Tatverdacht, Videoüberwachung
aller PKW auf allen Straßen oder die Verlängerung
der polizeilichen Freiheitsentziehung, für die
es keinen tatsächlich belegten Bedarf gibt. Die
Polizei erhält auch wieder die Aufgabe, für
die "Öffentliche Ordnung" zu sorgen.
Das heißt nichts anderes, als dass sie wieder
bestimmt, was sich auf unseren Straßen gehört
und was nicht.
Der Polizei werden neue Aufgaben zugewiesen: Der
Katastrophenschutz und die Feuerwehr werden unter
die Oberhoheit der (neuen) Polizeidirektionen und
der dortigen Polizeiführer gestellt, gleichzeitig
werden diese auch im ganzen Land zuständig für
das hochsensible Demonstrationsrecht. Nach welchen
Kriterien wird ein im Polizeiapparat sozialisierter
Polizeiführer vorrangig handeln, wenn er abzuwägen
hat, zwischen einem effizienten und effektiven polizeilichen
Einschreiten einerseits und den verfassungsrechtlichen
Anforderungen der Demonstrationsfreiheit, etwa dem
Gebot zu einem versammlungs-freundlichem Verhalten,
andererseits?
Die neuen Polizeidirektionen werden künftig
bei der gesamten Aufgabe der Gefahrenabwehr Aufsichtsbehörde
über die Landkreise, kreisfreien und großen
selbständigen Städte, können diesen
Weisungen erteilen. Die Polizeidirektion Hannover
überwacht die Region Hannover!
Brand- und Katastrophenschutz als polizeiliche Aufgabe?
- so manchem Landrat oder Bürgermeister, aber
auch ehrenamtlichen Helfern von Feuerwehr und DRK,
sträuben sich bei diesem Gedanken bereits die
Haare. Diese werden ihm dann wegen eines weiteren
Elements der Vervollkommnung des polizeilichen Apparates
ganz ausfallen. Das DRK hat uns mitgeteilt, dass nach
seinen Informationen aus dem Innenministerium die
Leitstellen für den Brandschutz bzw. den Rettungsdienst,
die es bisher bei allen Landkreisen und großen
Städten gibt, abgeschafft werden sollen. Es sei
beabsichtigt die Gesamtzahl drastisch zu reduzieren
und ebenfalls bei den Polizeidirektionen zu installieren.
Welchen Sinn macht es, wenn die Polizeidirektion Göttingen
den Einsatz einer Ortsfeuerwehr zur Beseitigung einer
Ölspur oder eines Rettungswagen im Landkreis
Schaumburg veranlasst? Muss die Polizei eigentlich
über jede Krankengeschichte im Rettungsfall informiert
werden? Könnte es sein, dass der Notruf im Einzelfall
nicht mehr angewählt wird, weil er bei der Polizei
ankommt?
Dieser Aufgaben- und Befugniszuwachs ist schon problematisch
genug. Nun kommt aber durch die Organisationsreform
hinzu, dass dieser so in seinen Machtbefugnissen gestärkte
Polizeiapparat sich nach dem Willen der Landesregierung
verselbständigt und abschottet, die Einbindung
in die zivile Verwaltung verliert. Das beginnt auf
der Kreisebene und endet im Ministerium: Die bewährte
"Einräumigkeit der Verwaltung" wird
aufgegeben. Polizeiinspektion und Landkreisverwaltung
kannten sich, man begegnete sich auf Augenhöhe.
Dies ist bald vorbei: Eine Polizeibehörde übernimmt
die Fachaufsicht über die Kreise und kreisfreien
Städte bei der allgemeinen Gefahrenabwehr, also
auch hier ein Subordinationsverhältnis der zivilen
Seite unter den Polizeiapparat. Die neuen Polizeidirektionen
werden aus der Bezirksregierung herausgelöst.
Damit geht auch die Führung durch den zivilen
Regierungspräsidenten, seinen Vertreter und den
zivilen Abteilungsleiter sowie die Einbindung in die
viel umfassendere Aufgabenstellung von Sicherheitspolitik
verloren. Im Innenministerium das gleiche Bild: Aus
der bisherigen Polizeiabteilung, einer von fünf
gleichrangig nebeneinanderstehenden Abteilungen, wird
nun das Landespolizeipräsidium mit einer Sonderstellung
herausgelöst. Somit entsteht eine konsequent
hierarchisch durchstrukturierte Sonderverwaltung,
rein polizeilich ausgerichtet, in der natürlich
die Maximen polizeilichen Handelns und Denken gelten,
aber auch solche Eigenschaften wie Korpsgeist oder
Selbstrekrutierung zu finden sein werden.
Dieser reinrassige polizeiliche Apparat bekommt nicht
etwa dadurch einen zivilen Anstrich, dass an der Spitze
der neuen Polizeidirektionen "politische"
Beamte als Präsidenten stehen werden. Sie sind
politische Beamte, weil sie in einem besonderen Vertrauens-
und damit Abhängigkeitsverhältnis zur politischen
Führung des Landes stehen. Abgesehen davon, dass
man sich mit dieser inflationären Vermehrung
hochdotierter Stellen - die Nicht-Wiederbesetzung
der Posten der Regierungspräsidenten kann man
nun nicht noch einmal als gegenzurechnende Einsparung
angeben, weil sie schon für eine B-10 Staatssekretär
samt Gefolge herhalten musste - so manch eines aktuellen
Personalproblems entledigt, wird mit diesem neuen
Modell der erstarkte Polizeiapparat unmittelbar an
die politische Führung gebunden, deren Willen
exekutiert. Gleichzeitig ist künftig die politische
Führung angewiesen auf die rein polizeiliche
Beratungsleistung eines Apparates, der Scheuklappen
verordnet bekommen hat.
Die niedersächsische Polizei hat sich in den
vergangenen Jahren hervorragend entwickelt. Wir haben
eine "Bürgerpolizei", die nach außen
für die Anliegen der Menschen offen ist, die
aber auch in der Binnenstruktur demokratisch ausgerichtet
ist. Gleichzeitig hat diese Polizei hervorragende
Arbeit geleistet, wie die Aufklärungsquoten belegen.
Ein Ergebnis auch der Reformen aus den 90er Jahren,
die der Innenminister erst kürzlich - vielleicht
war das ja auch nur dem Anlass einer Gedenkrede geschuldet
- gewürdigt hat. Das damalige Reformvorhaben
verfolgte gerade das Ziel, überkommene polizeiliche
Strukturen aufzubrechen und die Polizei zu öffnen
für das zivile Denken und Handeln. Nun aber definiert
die neue Landesregierung die Rolle der Polizei in
unserer Gesellschaft neu - oder besser gesagt: Nicht
neu, weil schon einmal erlebt und überwunden
geglaubt, sondern anders: Die Polizei ist Herrschaftsinstrument
allein der politischen Führung in Gestalt des
Ministers, frei von "störenden" Einflussnahmen
der allgemeinen Verwaltung oder gar ziviler Führung!
Ob sich die Beamtinnen und Beamten der niedersächsischen
Landespolizei in ihrer Gesamtheit diese Rolle aufdrängen
lassen werden, bezweifele ich. Jedenfalls reicht der
Köder einer blaue Uniform dafür nicht aus.
Gleichwohl werden wir als Parlament, werden - auch
da bin ich mir nach der Diskussion über die polizeiliche
Telefonüberwachung gewiss - die Medien dem Missbrauch
unserer Polizei durch die Landesregierung zu begegnen
wissen.